Finale der SimRC ACC PC AM Liga in Snetterton


Rutschiges Snetterton verleiht zu Piruetten

Der knapp 4,8 km lange Kurs in Snetterton gilt mit seinen 12, teils extrem technischen Kurven unter Fahrern als sehr anspruchsvolle Strecke. Insbesondere die langgezogene Rechtskurve "Coram" benötigt viel Gefühl im Gas- und Bremsfuß, um hier auf dem schmalen Grat zwischen leichtem 4-Wheel Drift und Abflug im vierten Gang die höchstmögliche Kurvengeschwindigkeit zu erreichen. Und kaum hat man den Wagen wieder geradegesetzt, ist man auch schon fast über den Bremspunkt hinaus, um sauber in die letzte Kurve "Murrays" vor der Startzielgerade einzubiegen. Es ist nicht leicht, hier die Ruhe in das Fahrwerk zu bekommen und die großen Sausage-Curbs auf der Innenseite und die rutschigen Gitterroste auf der Außenseite der Kurve machen es nicht leichter, und verlangen große Präzision, um den größtmöglichen Speed auf die Start-/Zielgerade mitzunehmen. Aber auch die anderen Kurven haben an vielen Stellen die für englische Strecken typischen Roste zwischen Curbs und Wiese, die zwar dazu verleiten, die Strecke an den entscheidenden Stellen "voll" auszunutzen, aber durchaus auch gerne mal zubeißen. Und so sahen wir im Verlauf des Rennens auch den ein oder anderen Dreher genau an diesen Stellen, wenn ein Fahrer mit zu viel Enthusiasmus und zu wenig Traktionskontrolle auf diesen Rosten die Kontrolle verloren hatte.


Das weitläufige Gelände, auf dem die Rennstrecke liegt, wurde im zweiten Weltkrieg militärisch genutzt, eine Vergangenheit, die im Übrigen auch einige andere englische Rennstrecken teilen, u.a. Oulton Park. Nach Kriegsende wurde das Flugfeld in Snetterton, auf dem die 96te Bomberstaffel der US Air Force mit ihren berühmten B-17 Bombern stationiert gewesen war, dann zu einer Rennstrecke umgebaut. Natürlich sah die Strecke zu dieser Zeit noch völlig anders aus und bestand größtenteils aus den geraden Abschnitten der Start- und Landebahnen, aber nach mehreren Umbauten und Erweiterungen wurde dann 2011 mit großen Investitionen der heutige Zustand erreicht.


Keine Beschreibung des Snetterton Motor Racing Circuits wäre vollständig, ohne ein paar Worte über den Scary Tree zu verlieren. Dieser Baum, oder besser gesagt, dieser monströse Busch, der am Scheitelpunkt der "Montreal" Kurve liegt, war über viele Jahre Wahrzeichen der Rennstrecke. Seinen Namen erhielt er natürlich über sein Aussehen, das ein wenig an den überdimensionalen Marshmallow-Man aus Ghostbusters erinnert, insbesondere dann, wenn starker Wind die gruselig in die Höhe gereckten Arme und den kugelförmigen Kopf in schaurige Bewegungen versetzt. Leider wurde der Scary Tree, der aber auch vorher schon an Altersschwäche leidete, durch den Sturm Clara am 9. Februar 2020 weitestgehend zerstört.

Kein Dima, kein WM-Kampf

Aber kommen wir zum Renngeschehen. Wie bereits erwähnt, war die Fahrerwertung bereits vor dem Start entschieden, denn der einzige Fahrer, der Chris Ley den Titel noch hätte streitig machen können, Dima Jechow, glänzte durch Abwesenheit. Allerdings war die Lage in der Teamwertung noch deutlich offener. Das Team Ludolfs Racing Team von Dima Jechow und Daniel Reinsch lag zwar deutlich in Führung, aber da Reinsch alleine um Punkte kämpfen würde, gab es gute Chancen für die Teams Nord Racing (David Cvbby, Valentin Doll) und Rennschmiede Cayman (Chris Ley himself), noch in das Geschehen einzugreifen. Die weiteren Teams waren entweder nicht vertreten, oder in den Punkten zu weit weg. Es sollte also ein Kampf unter diesen vier Teams werden.


Da auf dem Kurs in Snetterton nicht leicht überholt werden kann, wurde in der Qualifikation besonders hart um die besten Positionen gekämpft. Bekannte Namen wie Ley, Ulrich, Lindner und Kistner setzten sich am Ende auf den vorderen Positionen durch, aber auch Reinsch war diesmal in der dritten Startreihe mit dabei - offenbar ging der McLaren in Snetterton außerordentlich gut. Neben ihm stand Barho, der während des 30-minütigen Qualifyings auch schon weiter vorne gelegen hatte. Die beiden wurden gefolgt von Straube und Winkler und der Rest des Feldes reihte sich im Startgrid dahinter ein. Erwähnenswert ist noch die überragende Leistung von Chris Ley in seinem Porsche, der mit fast einer Sekunde Vorsprung den Rest der Fahrer im Qualifying regelrecht deklassieren konnte. Sicher ein heißer Anwärter für die Pro-Klasse in der nächsten Saison.

Weltmeister in spe startet von der Pole-Position

In dieser Aufstellung ging das Feld also an den Start und nach der Einführungsrunde, in der alle Fahrer versuchten, ihre Reifen auf Temperatur zu bringen, sprangen die Ampeln auf Grün. Während Ley die Traktion seines Porsches ausspielte und sofort nach Freigabe des Rennens eine Lücke auf Ulrich aufriss, erwischte auch Reinsch einen guten Start, aber Kistner machte ihm ziemlich rabiat auf dem Weg zur ersten Kurve die Tür zu. Das war eventuell sogar von Vorteil, denn Lindner stach in T1 enthusiastisch in eine viel zu kleine Lücke zwischen Ulrich und dem Scheitelpunkt der Kurve, die beiden berührten sich und Lindner wurde auf das Gras im Innenbereich der Kurve gedreht und musste sich dadurch auf P8 wieder einreihen. Ulrich kämpfte ebenfalls schwer mit seinem schlingernden Wagen, konnte aber auf der Strecke bleiben, gab jedoch seine Position an Kistner und Reinsch ab. In T2 wurde dann noch Winkler angeschoben und blieb gegen die Fahrtrichtung gedreht am Rande der Strecke stehen. Er musste natürlich das ganze Feld vorbeilassen, bevor er sich wieder einreihen konnte, und lag damit vorerst auf der letzten Position. Nachdem sich der aufgewirbelte Staub langsam wieder gesenkt hatte, hatte Ley bereits einen deutlichen Vorsprung auf Reinsch herausgefahren, der wiederum zwischenzeitlich Kistner überholt hatte. Dahinter lagen Ulrich, Straube und Barho, gefolgt von Hansel, Lindner und dem Rest des Feldes.


In der dritten Runde holte sich Ulrich auf der Bremse die dritte Position von Kistner und machte sich an die Verfolgung von Reinsch. Die Reihung Ley, Reinsch, Ulrich und Kistner blieb nun für viele Runden stabil, während im hinteren Feld sich die Positionen laufend veränderten - in vielen Fällen nicht durch reguläre Überholmanöver, sondern vielmehr durch Fahrfehler und nachfolgende Ausritte in die Botanik. Dank der riesigen Auslaufzonen gab es aber in den meisten Fällen keine größeren Schäden an den Fahrzeugen, so dass alle Fahrer die Fahrt ohne Reparaturen fortsetzen konnten. Lindner lag nach einigem Pech zwischenzeitlich auf dem vorletzten Platz, während Winkler sich langsam wieder nach vorne kämpfen konnte. Hinter ihm, mit einer großen Lücke von über 20 Sekunden, fuhr Cvbby, der gerade in den ersten Runden des Rennens sehr häufig neben der Strecke den Grip getestet hatte. Mittlerweile klaffte zwischen den meisten Fahrern dank des kleinen Fahrerfelds aber schon größere Lücken, so dass nur wenige echte Positionskämpfe beobachtet werden konnten.

Chris feiert die Weltmeisterschaft in der Boxengasse - Team WM auch entschieden

In der 17ten Minute wurde das Rennen von Chris Ley durch ein Problem in der realen Welt abrupt beendet. Damit lag Reinsch nun mit einigem Vorsprung plötzlich auf Platz 1, während hinter ihm Kistner den Druck auf Ulrich deutlich erhöhte. Obwohl Ley den Titel wie schon erwähnt durch die Abwesenheit von Jechow bereits sicher hatte, ist es dennoch sehr schade, dass er das Rennen in Snetterton nicht regulär zu Ende fahren konnte.


Bis zur 37ten Minute blieben die Positionen an der Spitze nun unverändert. Dann ging Reinsch an die Box, offenbar zum Reifenwechsel. Er reihte sich auf P8 wieder ein und lag damit unter allen Fahrern, die bereits an der Box gewesen waren, an erster Stelle. Ob seine Reifenstrategie aufgehen würde, musste sich allerdings noch zeigen. Ulrich hatte nun erst mal die Führung übernommen und zeigte in Folge - im Gegensatz zu dem Rennen im Regenchaos von Misano - eine souveräne und stabile Leistung. Als nur noch 20 Rennminuten übrig waren, stand endgültig fest, dass Ulrich und Kistner nur einen Splash-n-Dash Boxenstopp eingeplant hatten, während Reinsch jedoch langsam auf Position 4 vorgerückt war, denn nur Hansel lag noch vor ihm. Dieser musste aber mit seinem Lamborghini noch den Pflichtstopp absolvieren. Es blieb also spannend, bis kurz vor Rennende Ulrich und Kistner nach sehr kurzen Stopps vor Reinsch wieder auf die Strecke kamen und klar wurde, dass Reinsch seine Reifenstrategie nicht hatte ausspielen können. In dieser Konstellation wurde das Rennen dann auch abgewunken. Hinter dem souveränen Sieger Ulrich, der sich damit auch den zweiten Platz in der Gesamtwertung sichern konnte, ging Kistner als Zweiter über die Ziellinie. Nach Reinsch auf P 3 fuhren Hansel und Barho auf die Plätze 4 und 5, gefolgt von Winkler auf P 6.



Am Ende der Saison haben sich damit Chris Ley als verdienter Meister in der Einzelwertung und Jechow und Reinsch mit ihrem Team Ludolfs Racing Team in der Teamwertung durchgesetzt. Meine Glückwünsche und Respekt an dieser Stelle an die Sieger, aber auch an alle anderen Fahrer, die die ganze Saison hart, aber mit viel Respekt und Fairness tollen Motorsport gezeigt haben.

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